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Kaum ein Thema hat wohl die Arbeitsgerichte und die Aufmerksamkeit der Bevölkerung in den letzten Wochen und Monaten stärker beschäftigt, als das Thema Bagatellkündigungen. Wer erinnert sich nicht an die Kassiererin im Fall “Emmely”, der wegen entwendeten Pfandbons im Wert von 1,30€ gekündigt wurde oder an den Müllmann aus Baden-Württemberg, der entlassen wurde, weil er ein im Sperrmüll befindliches Babybett für seine Familie mitgenommen hatte, da sie sich kein eigenes leisten konnten. Als beiden fristlos gekündigt wurde, ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit und Arbeitnehmer-Community.

Grundlage für die fristlose Kündigung ist hierbei jeweils der §626 des Bürgerlichen Gesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland, der in Absatz 1 besagt: “Das Dienstverhältnis kann von jedem Vertragsteil aus wichtigem Grund ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn Tatsachen vorliegen, auf Grund derer dem Kündigenden unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalles und unter Abwägung der Interessen beider Vertragsteile die Fortsetzung des Dienstverhältnisses bis zum Ablauf der Kündigungsfrist oder bis zu der vereinbarten Beendigung des Dienstverhältnisses nicht zugemutet werden kann.”.

Den vollständigen Wortlaut des §626 BGB können Sie auch hier nachlesen.

Bemerkenswert ist hierbei, dass, verglichen mit anderen Rechtsgebieten, nur im Arbeitsrecht solch geringfügige Delikte große Beachtung finden.

So werden zum Beispiel im Strafrecht Diebstähle, dessen Wert unter die von 50€ fällt, strafrechtlich in der Regel im Verfahren eingestellt (vgl. §248a StGB).

Auch im öffentlichen Recht, im Speziellen bei den Dienstverhältnissen von Beamten und Soldaten, wird dem Wert einer Sache gewichtige Bedeutung beigemessen. Dank der hierbei sorgfältig ausgeführten Anwendung des rechtsstaatlichen Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit, werden hier in der Regel lediglich Ermahnungen gegenüber den Schuldigen ausgesprochen, in seltenen Fällen kommt es auch zur Degradierung. Entlassungen sind hierbei jedoch die große Ausnahme. Eine genauere Erläuterung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit und seine historischen Grundlagen finden sie hier.

Daher muss man sich fragen, ob es nicht in Zukunft eine bessere Lösung wäre, in weniger einschneidenden Fällen eine verpflichtende Abmahnung einzuführen, damit dem Arbeitnehmer nicht gleich bei dem ersten Verstoß seine Existenzgrundlage entzogen wird. Hierfür spricht, dass durch die stärkere Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes rechtsstaatliche Prinzipien in den Vordergrund gestellt werden und daher die Chance verringern, dass bei geringfügigen Vergehen eines Arbeitnehmers ihm die komplette Existenzgrundlage, denn nichts Anderes ist ein gesicherter Arbeitsplatz in heutiger Zeit, entzogen wird.

Dem muss entgegengehalten werden, dass es in einigen Fällen wichtig ist, dass ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer besteht. Sobald dieses beschädigt ist, muss es dem Arbeitgeber möglich sein, eine fristlose Kündigung einzureichen, da es für ihn untragbar wäre, solch eine Person weiterzubeschäftigen (z. B. eine Putzfrau, die jemanden in seinen eigenen Räumlichkeiten geringwertige Sachen stiehlt).

Sollte Ihnen wegen eines geringen Verstoßes gekündigt worden sein, dann ziehen Sie am besten einen Arbeitsrecht Anwalt zu Rate. Dies erhöht Ihre Chance, die Kündigung für ungültig zu erklären.

Abschließend kann man also sagen, dass momentan jeder Fall individuell betrachtet und – gelöst – werden muss, bis vom Gesetzgeber eine einheitliche Rechtslage für Bagatellkündigungen geschaffen wird. Bis dahin werden die Gerichte weiter in ihrem Ermessen entscheiden, welche Bagatellkündigungen zulässig sind, und welche unverhältnismäßig sind. Es bleibt also abzuwarten, in welche Richtung sich die momentan noch unentschlossene Rechtsprechung tendenziell bewegt, um solche Fälle ohne den Gesetzgeber in Zukunft im Voraus bewerten zu können. Dieses Thema wird uns jedoch noch einige Zeit beschäftigen.

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